von Simone Gerber
Der erste Exkursionstag führte uns in das Madoniegebirge, das in der Mitte Siziliens gelegen ist, oder auch als Zentralsizilien bezeichnet werden kann. Es handelt sich hierbei um ein Karststeingebirge aus Gips und Kalkstein. Da dies ein sehr weicher Stein ist, gibt es dort viele Höhlen, Dolden und Tropfstein durch die Lösungs- und Kohlensäureverwitterung.

Im Durchschnitt erreichen die Madonien ca. 1900 m Höhe, der Pizzo Carbonara ist mit 1997m Höhe der höchste Berg. Unter anderem dient das Gebirge Palermo als Trinkwasserreservoir. Im Jahr 1989 wurde das Naturschutzgebiet „Parco delle Madonie“ mit ca. 15 000 ha gegründet. Er besitzt einige der artenreichsten Wälder des Mittelmeerraums mit immergrünen Stein- und Korkeichen und den letzte Vorkommen der vom Aussterben bedrohten „Nebrodi“-Tanne. Zudem ist der Park ein Rückzugsgebiet für viele Vogelarten.
Sizilien hat einen binomischen Charakter, auf der einen Seite ist das Meer und auf der andern die Berge: Meer – Berg, Mobilität – Isolation, Fruchtbarkeit – Dürre, Mensch – Natur. Die Berge waren meistens nur Rückzugsort vor den vielen verschiedenen Invasoren in der Geschichte der Insel. Für die Sizilianer ist die Natur zwar faszinierend, aber doch eher menschenfeindlich. Im 20. Jahrhundert begann eine steigende Entvölkerung durch die Emigration. Die meisten Bergbewohner waren Tagelöhner auf den Latifundien, also den Großgrundbesitzen, und wanderten nach Amerika und Nordeuropa aus, um dort genügend Geld zu verdienen, um wieder in die Heimat zurückzukehren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine starke Bauernbewegung in den Sizilien, die durch die Besetzung der alten Latifundien und die Schaffung von Agrargenossenschaften eine Enteignung der Großgrundbesitzer zu erzwingen versuchte. Auch das Attentat an der „Portella della Ginestra“ 1947, auf das in einem anderen Exkursionsbericht genauer eingegangen wird, fand in der Nachbarschaft der Madonien, konkret auf einer Hochebene im Hinterland der Provinz Palermo statt. Als wir am Montag als erstes das Heimatdorf unseres Busfahrers Mario Fili, Alimena in den Bergen auf ca. 750 m Höhe besuchten, trafen wir zurückgekehrte Gastarbeiter, deren Kinder aber in Deutschland geblieben waren. Ihr Dorf ist verwaist, die medizinische Versorgung ist nicht gewährleistet. Die Männer, die so lange Zeit im Ausland schwer gearbeitet hatten, um sich einen Traum zu erfüllen, wirkten enttäuscht, denn ihr Dorf Alimena stirbt aus.
Als die Männer in den 60-er Jahren nach Deutschland gingen, um dort zu arbeiten und dann mit Geld wieder zurück zu kommen, wussten sie nicht, wie sich alles ändern würde. Schließlich zogen ihre Frauen nach Deutschland nach und ihre Kinder kamen oft dort zur Welt. Schließlich gelang es ihnen, sich ihren Lebenstraum zu verwirklichen und in Alimena ein schönes Haus bauen, doch ihre Kinder blieben in Deutschland. Nun ist es so, dass das Dorf leer ist, nur noch die alten Leute leben dort. Durch die neuen Häuser hatte die Stadt für mich das Aussehen einer frisch geputzten „Puppenstadt“. Die Feste und Veranstaltungen, die einst von der Jugend des Dorfes organisiert wurden, finden nicht mehr statt.
Die Rückkehrer sehen sowohl das Gute wie auch das Schlechte in beiden Ländern, doch sind die Familien zerrissen, höchstens in den Ferien vereint und das war nicht das, was sie sich vorgestellt hatten, als sie ausgezogen sind, um ihr Glück zu finden. Die meisten Städte in den Bergen verwaisen, da es kaum Arbeit gibt, außer in der Landwirtschaft. Und diese ist nicht sonderlich ausbaufähig, der Boden ist nicht sehr fruchtbar, es regnet wenig, und Bewässerung ist nicht möglich oder zu teuer. Was wächst, ist der „Grano Duro“, eine für Sizilien typische Hartweizenform und dieser wird hier auch angebaut.
Tourismus ist momentan zumindest noch nicht möglich, es gibt keine Hotels in den Dörfern, keiner möchte in solche Immobilien investieren. Die Sizilianer kaufen sich lieber ein Haus am Meer als eines in den Bergen. Wandern oder einfach nur die Natur genießen ist kein mediterranes Kulturgut. Sie haben kein, oder vielleicht noch kein Auge für die wunderbare Bergwelt, die klare saubere Luft, die Stille und diesen unglaublich blauen Himmel. So verwaisen die Dörfer zum Leidwesen der Älteren und Zurückgebliebenen.
Nach der Dorfbesichtigung, bei der die Exkursionsgruppe sichtlich Aufsehen in der Bevölkerung erregten, fuhren wir etwas außerhalb des Dorfes zur Käserei von Signor Pino Mascelllino. Er hat den Betrieb mit ca. 500 Schafen von seinem Vater übernommen, mittlerweile arbeiten sechs Personen an der Herstellung des typisch italienischen, aus Schafsmilch hergestellten, Ricotta-Käses. Die meisten Sizilianer wollen den Beruf des Schäfers nicht mehr ausüben, da es sich um eine sehr harte und lange Stunden in Anspruch nehmende Arbeit handelt. Deswegen beschäftigt Signor Pino – neben seinen zwei Söhnen – noch zwei albanische Schafhirten. Sie bekommen die gleiche Bezahlung wie ein Sizilianer sie bekommen würde und fordern auch die gleichen Sozialversicherungskonditionen, aber sie sind dafür auch bereit die schwere Arbeit auf sich zu nehmen.
Der Arbeitstag von Pino Mascellino beginnt bereits um 4.00 Uhr morgens: Als erstes wird die vom Vortag im Kühltank gelagerte Milch zusammen mit dem Lab ca. eine Stunde lang aufgekocht, bis sich der Käse und die Molke voneinander trennen. Der Käse wird dann abgeschöpft und die Molke erneut aufgekocht. Diese Prozedur dauert bis ca. 11.00 Uhr. Was herauskommt, ist der frischkäseartige Ricotta. Wird der Käse länger gereift und Salz hinzugefügt, erhält man den schmackhaften „Pecorino“. Nach 11 Uhr ist Signor Pino weiterhin auf dem Hof beschäftigt. Er kümmert sich um seine Schafe und nimmt diverse Ausbesserungsarbeiten auf seinem Anwesen vor. Gegen ca. 19.00 Uhr hat er dann endlich Feierabend. Anschließend bleibt ihm noch etwas Zeit, die er vor dem Fernseher oder in der Bar verbringt und sich dort mit den anderen Männern des Dorfes über den Tag und das Erlebte zu unterhalten. Urlaub ist für ihn ein Fremdwort. Er sagt, er liebe seine Arbeit, sein Land, er würde auch nie weg aus Alimena wollen. Sein Frau ist zuhause und kümmert sich um den Haushalt. Seine Tochter geht noch im Dorf zur Schule, wird Alimena aber dann für den Besuch einer höheren Schule verlassen müssen, da es hier nur eine Grundschule gibt. Einen Mann wird sie im Dorf auch kaum finden, da es fast keine jungen Leute mehr gibt hier.
Früher wurde der Käse ausschließlich im Dorf verkauft. Mittlerweile produziert Signor Pino dank der neuen technischen Methoden aber in der gleichen Zeit weit mehr Käse als in der Vergangenheit. Im Dorf gibt es wegen der Abwanderung aber nicht mehr genug Abnehmer, so dass er einen Großteil des Käses an einen Großhändler in Enna verkaufen muss. Am Geschmack des Käses, sagt er, habe sich durch die neue Produktionsweise nichts verändert. Er möchte, wie schon gesagt, die Berge und das Landleben nicht aufgeben, da er seine „terra“ im Gegensatz zur These von Giordano (1992) liebt. Auf die Frage, ob er einen Unterschied zwischen dem Leben in der Stadt und dem auf dem Land sehe, antwortet er erst nein, bis wir ihm von unseren eigenen Erfahrungen aus den verschiedenen Herkunftsländern der Exkursionsteilnehmer berichten, worauf er uns dann doch zustimmt und meint, dass es schon Unterschiede gebe. Pino Mascellino wirkte auf mich sehr zufrieden mit sich und seinem Leben. Wohl auch, vermute ich, weil er mit seinem Söhnen zusammen seiner Arbeit nachgehen kann.
Anschließend fuhren wir zu den Agronomen Salvatore und Lillo Lo Porto, zwei studierten Landwirten, die zusammen mit ihren sechs Mitarbeiten alles vertreiben, was die Bauern im Umkreis zur Bewirtschaftung ihres Landes brauchen: Saatgut, Dünger, Zäune, Wissen, neues technisches Know-How, welches die Bauern auch gerne annehmen, wenn es ihnen die Arbeit erleichtert. Der Vater der beiden Brüder hat im Alter von 11 Jahren angefangen, Eier im Umkreis aufzukaufen und dann weiter zu verkaufen. Auf diese Weise hat er sich langsam hochgearbeitet und das Vertrauen der Dorfbewohner erlangt. Irgendwann war er dann derjenige, an den man sich wandte, wenn man etwas brauchte. Irgendwann war dann das Vertrauern in ihn so groß, dass er z. B. bei der Geburt eines Kindes nach Palermo geschickt wurde, um dort eine Goldkette als Geschenk zur Geburt zu kaufen.
Sein Unternehmen wurde im Verlaufe der Zeit immer größer. Irgendwann stiegen auch bei ihm seine Söhne ein, welche mittlerweile das Unternehmen übernommen haben. Auf die Frage nach dem Einsatz von Gen-Produkten bei den sizilianischen Bauern antwortete Salvatore Lo Porto, das sich hier für solche Produkte keine Abnehmer finden ließen. Vielleicht auch, weil das sizilianische Getreide sowieso aufgrund der klimatischen Bedingungen sehr wenig anfällig für Insektenbefall sei und es – aus den vorher genannten Gründen – kaum möglich sei, etwas anderes als Hartweizen anzubauen. Er persönlich wolle auch nicht in Produkte investieren, von denen er die Folgen nicht genau kenne. Auch die Produktion von Bioprodukten sei in Italien nicht sehr interessant, da sich bislang kaum Abnehmer dafür finden würden.
Schließlich lenkte er selber das Gespräch auf die sog. „Ehrenwerte Gesellschaft“. Er sagte, er habe nichts mit ihr zu tun und kenne auch niemanden. Die Mafia würde sich nicht für diese Gegend interessieren, schließlich gebe es hier ja nicht viel zu holen. Immerhin kennt er aber dann doch plötzlich einige wichtige Leute, denen Mafiakontakte nachgesagt werden. So den vor kurzem wegen genau solcher Kontakte zu fünf Jahren Haft verurteilten ehemaligen Regionalpräsidenten Totò Cuffaro. Signor Lo Porto hat mit Cuffaro sogar in Palermo bei den Salesianern die Schulbank gedrückt. Man treffe sich monatlich am Stammtisch, dort werde aber nicht über „solche Dinge“ geredet, sagt er. Um einen Gefallen hat er auch noch nie jemanden gebeten, weil dies noch nicht notwendig war. Auf die Frage was er denn tun würde, wenn es einmal notwendig werden sollte, gibt er uns keine Antwort. Überhaupt beobachteten wir, dass bei genaueren und vielleicht etwas indiskreteren Fragen, wenn es etwa um Namen und Vorfälle geht, Lo Porto ausweicht und zu anderen Themen wechselt.
Dafür werden wir aber mehr als entschädigt, da uns die Brüder Lo Porto – durchgefroren wie wir waren – zu einem leckeren Imbiss bestehend aus selbstgemachtem Wein, madonischer Salami und dem guten Käse von Pino Mascelllino einladen. Auf diese Weise durften wir die berühmte sizilianische Gastfreundschaft kennen lernen und damit schloss sich der Kreis dann wieder.
Auf der Rückfahrt legten wir dann noch einen kurzen Stop in dem Städtchen Polizzi Generosa ein, wo wir nicht nur Wurst für das Abendessen einkauften, sondern erneut mit – perfekt deutsch sprechenden – Gastarbeiterkindern ins Gespräch kamen.
Literatur
Friedmann, F. (1969): La Miseria. Die Welt des süditalienischen Bauern. In: Friedmann, F., Politik und Kultur. München, S. 38-56
Foster, G. M. (1965): Peasant Society and The Image of Limited Good. In: American Anthropologist, 67, S. 293-315
Giordano, C./Hettlage, R. (1989): Bauerngesellschaften im Industriezeitalter. Zur Rekonstruktion ländlicher Lebensformen. Berlin
Giordano, Christian (1992): Die Betrogenen der Geschichte. Überlagerungsmentalität und Überlagerungsrationalität in mediterranen Gesellschaften. Frankfurt/Main, S. 283-325
1 Kommentar
Dezember 31, 2008 um 2:57 pm
[...] dem Ricotta-Produzenten Pino Mascellino sowie den Agronomen Salvatore und Lillo Lo Porto trafen (s. Bericht). Wir unternahmen ferner einen kleinen Rundgang durch den Ort, bei dem uns Mario Fili erzählte, [...]