Addiopizzo – Antiracket der neuen Generation

von Stefan Spiess

Vom Tennis zur Mafia, vom Schweigen zur öffentlichen Debatte, von der organisierten Kriminalität und dem Einzelkämpfertum zum organisierten, zivilbürgerlichen Widerstand gegen Schutzgeld und Gewalt – AddioPizzo Palermo.

Racket ist ein Begriff, der den meisten Leuten hierzulande nichts sagen wird. Eine kurze Recherche ergibt mannigfaltige Bedeutungen: Ganz unverfänglich den Tennisschläger, aber auch hier erahnt man schon, das das eben auch etwas mit Gewalt, mit Schlägen zu tun haben könnte.

Der Begriff hat dann auch eine größere Reichweite als ein Tennisschläger, ein Mafiaschläger trägt eben dazu bei, dass die Mafia in aller Seelenruhe ihre „protection racket“, ihre Schutzgelderpressung also, aufrecht erhalten kann.

Ein racket kann aber auch als eine Gaunerei oder, abwertend, also im doppelten Sinne als ein „einträgliches Geschäft“ gemeint sein.

Wenn man das alles bedenkt, dann erahnt man, was jemand, der sich „Antiracket“ verschreibt, und das tun mittlerweile nicht wenige in ganz Italien, auf sich nimmt. Diese Männer und Frauen – ein weiteres Zeichen für aufkeimenden Bürgersinn – riskieren nicht nur im wirtschaftlichen Sinne ihre Existenz, sondern sie riskieren ihr Leben.

Klingt dies schon für zentraleuropäische Ohren reichlich seltsam, geht das Wundern weiter, wenn man an den Begriff der omertá denkt. Dieser bezeichnet für viele nur das Schweigen der Mitglieder von Mafiaclans, doch weit gefehlt – geprägt von jahrhundertelanger Besetzung durch Phönizier, Araber, Normannen, Amerikaner, Briten und heutzutage eben durch einen von der Mafia durchdrungenen Staatsapparat, hat das sizilianische Volk gelernt zu schweigen. Misstrauen ist das oberste Gebot, wie Christian Giordano schon 1992 in seinem im Campus Verlag erschienenen Buch „Die Betrogenen der Geschichte“ ein Sizilianisches Sprichwort zitiert: Der Sizilianer sagt sich „Traue nicht mal deinem eigenen Hemd“.

So umständlich diese Einleitung scheint, es muss einem erst einmal klar sein, dass eine Organisation, die laut darauf aufmerksam macht, dass es die Mafia gibt, was sie mit der sizilianischen Bevölkerung macht, und die sich auch noch dazu aufschwingt, gemeinsam, organisiert und demokratisch einen Kampf gegen die Schutzgelderpressung zu führen, etwas ganz und gar Neues und Besonderes für Sizilien ist.

Das Schutzgeld, auf italienisch Pizzo oder eigentlich Pizzu, ist eine Last für Wirtschaft, Staat und freies Bürgertum. Das Schweigen darüber, dass es die Mafia und den Pizzo gibt, ist schwer zu brechen, und ein Einzelner kann dabei wenig ausrichten. Es erscheint daher als sinnvoller Schritt, das Einzelkämpfer- und Heldentum an den Nagel zu hängen und sich zusammen zu schließen.

AddioPizzo ist eine solche Organisation, die seit 2004 kämpft. Und sie tut dies friedlich, und dennoch couragiert, denn der Gegner kämpft mit harten Bandagen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Mafia Menschen, die offen gegen Sie agieren, oder sich auch einfach nur weigern zu kooperieren, bedroht, schikaniert, und manchmal sogar umbringt, stets symbolträchtig und unmissverständlich. Ein Schuss in den Mund – sehr viel deutlicher kann man jemanden, der „zu viel gesagt hat“, post mortem kaum kenntlich machen.

Bei unserem Treffen mit zwei Vertretern der Organisation, Francesco Galante (auch bei Libera Terra aktiv, einer Kooperation, die von der Mafia konfisziertes Land nach biologischen Standards und mafiafrei bewirtschaftet.) und Antonino Lo Bello (Dieser war schon beim “Leintuchkomitee” dabei, einer Antimafiabewegung, bei der die Menschen weiße Leintücher aus den Fenstern hängten, um ihre Empörung über Mafiamorde kundzutun. Es existieren Fotos von strahlend weißen Straßenzügen in Palermo.), sahen wir zunächst einmal einen längeren Fernsehbeitrag, den Sky TG24, ein italienischer 24-Stunden PayTV-Nachrichtensender, über Addiopizzo gesendet hat.

Er führte uns die Geschichte der Organisation in Bild und Ton vor Augen. Das Meiste verstand die nicht-italienisch-sprechende Mehrheit der Gruppe zwar nicht – es wäre auch wenig sinnvoll gewesen, simultan zu übersetzen – dennoch vermittelte die Präsentation auch ohne Worte wichtige Eindrücke.

Zu sehen waren viele Menschen jeden Alters, die gemeinsam auf Konzerten und Festen gegen die Mafia demonstrierten, und ihr damit eine öffentliche Klatsche erteilten. Am Anfang standen die mittlerweile beinahe schon berühmten Aufkleber mit der Aussage „Ein ganzes Volk, das den Pizzo bezahlt, ist kein freies Volk“, einige Zeit später umformuliert, aber immer noch genauso deutlich Transparente an Autobahnbrücken: „Ein ganzes Volk, das keinen Pizzo bezahlt, ist ein freies Volk.“ Heute kennzeichnen Aufkleber an der Ladentüre ein pizzufreies Geschäft. Wer einen solchen Aufkleber erhält wird strikt kontrolliert, eine Durchsetzung der Organisation mit Mafiakollaborateuren wäre fatal.

Dennoch, seit 2004 ist die Zahl der Mitglieder stetig gestiegen. Zum Zeitpunkt unseres Interviews waren es ca. 270 Unternehmer, die keinen Pizzo bezahlten und sich durch ihre Mitgliedschaft bei AddioPizzo offen dazu bekannten. Das sind zwar gerade mal 5% derjenigen Unternehmer, die nach Schätzungen ohnehin keinen Pizzo zahlen, was wiederum nur ein Prozent aller Unternehmer Palermos ausmacht, aber immerhin ist dies ein Anfang.

Nun kann man entgegnen, dass dies eine unbedeutende Zahl sei, aber ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass man das nicht vorschnell annehmen sollte. AddioPizzo hat vor allem einen ausgewiesenen Modellcharakter. Man geht auf Schulen zu, man geht auf Unternehmer zu, man geht auf Politiker und Verbände zu, und vor allem hat man den Konsumenten im Blick.

Laut einem Artikel auf Sueddeutsche.de (“Der Geruch der Gewalt”, 30.08.2007) hatte Antonino Lo Bello jahrelang bei einem Bäcker um die Ecke eingekauft, und es sei ihm der Appetit vergangen, als eine Razzia hervorbrachte, dass er jahrelang das gleiche Gebäck gegessen hatte, das diese Bäckerei gleichzeitig als “Pizzo in Naturalien” an die Cosa Nostra entrichtet hatte. Seit 28.02.2008 gibt es ein Geschäft in Palermo, das ausschließlich mafiafreie Ware verkauft (Das ZDF berichtete im heute-Journal am 22.03.2008 in einem Beitrag).

Ein Novum also, nachdem es schon seit geraumer Zeit besagten Aufkleber für einzelne Unternehmer gibt. Des weiteren hat AddioPizzo italienweit Vorträge gehalten, und zwar auf Einladung, auch dies ein großer Erfolg. In Neapel gründete sich die ContraCamorra nach dem Vorbild von AddioPizzo. Es gibt Unterstützung vor Gericht und Zusammenarbeit mit der Polizei, und vielleicht das Wichtigste: Klassischerweise standen stets wenige im Brennpunkt einer Antimafiabewegung.

Die Ermordung von Falcone und Borsellino führten den Effekt dieser Tatsache Anfang der 90er auf frappierende Art und Weise vor Augen. Ein klassisches Mafiaprinzip, Einen zu töten um Hunderte zu disziplinieren, funktionierte ein weiteres mal (alle weiteren Fälle von Mafiamorden aufzuzählen würde zu weit führen, darum dieser plakative Fall als Beispiel). Sarkasmus und Fatalismus waren die Folge, man musste erneut erkennen: Wenn Du alleine gegen Staat, Mafia, und damit eigentlich in weiten Teilen gegen zwei Köpfe des selben Gegners ankämpfst, musst Du scheitern.

Dies war sicherlich auch einer der Faktoren, die zu einem Umdenken führten. Guido Lo Forte, ein Antimafiastaatsanwalt, bei dem wir ebenfalls vorsprachen, sagte im Umkehrschluss sehr richtig: Du kannst nicht Hunderte töten, um Einen zu disziplinieren.

AddioPizzo stellt nun also, um das noch einmal kurz zusammenzufassen, folgende Neuerungen dar:

Erstens hat man die Waffe der Mafia, unsichtbar und dennoch allgegenwärtig zu sein, gegen sie selbst gewendet. Der bequeme alte Weg, einfach einen Dissidenten zu schikanieren, bis er spurt, oder ihn im Notfall mitsamt seiner Familie aus dem Weg zu räumen, zieht hier nicht. Unbekannte waren es zunächst, die Palermo mit Aufklebern und Postern, mit Hohn wider die Mafia tapezierten, man konnte nicht lokalisieren, woher der Protest kam.

Zweitens hat man es in Jahrelanger Schwerstarbeit geschafft, die Schweigsamen und bis auf die Knochen misstrauischen und staatsfeindlichen Sizilianer zumindest teilweise zu vereinen, und gemeinsam einen zivilen Kampf gegen die Mafia zu führen. Man trifft sie dort, wo es ihr weh tut. Wer nämlich kein Geld hat, oder weniger davon, der kann auch seine Ausgaben für Mörder, korrupte Beamte und die Familien inhaftierter Mafiosi nicht mehr so großzügig verteilen.

Und, als wäre kaum etwas zu schwer für AddioPizzo, schiebt man ganz nebenbei noch die Emanzipation, biologische Landwirtschaft und eine freiheitliche Gesellschaftsvorstellung mit nach vorne.

Es bleibt einem nur, AddioPizzo viel Erfolg zu wünschen, und ihnen beizustehen, mit einer Stimme oder auch Spende. Beides kann man auf der deutschsprachigen Seite von Addiopizzo abgeben, wo man auch nochmals eine kleine Geschichte von AddioPizzo nachlesen kann. Wer Italienisch beherrscht, kann noch weitere Interessante Informationen auf der Stammseite finden.

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