Besuch beim Präsidenten Stefano Italiano
von Gabriele Grabl
Das Gespräch mit Stefano Italiano, dem Präsidenten der „Cooperativa AgroVerde“, fand am 20. Februar 2008 in den Räumen der Genossenschaft in Gela statt. Gela ist eine Handels- und Industriestadt in der Provinz Caltanisetta an der Südküste Siziliens. 1956 wurden nahe Gela Erdölquellen entdeckt und diese Entdeckung nahm Einfluss auf die Stadtentwicklung. Gela ist geprägt von Raffinerien, Industriebetrieben und Wohnsiedlungen.
Erdöl und Industrie bedeuteten wirtschaftliches Wachstum und stellen ein hohes Potential für Kapitalbildung bereit. Kapitalbildung ist jedoch seit Bestehen der Mafia eines ihrer Ziele und es ist daher nicht sehr verwunderlich, dass Gela mit dem Erdölboom zu einer ihrer Zentren wurde. Seit 2003 ist Rosario Crocetta Bürgermeister dieser Stadt und hat eine Kampfansage gegen die Mafia gemacht (siehe Bericht). Gela ist durch das Wirken von Rosario Crocetta zu einer Stadt geworden, die der Mafia mittels Verwaltungsanordnungen und Anti-Mafia-Gesetzen aufs Schärfste entgegen tritt. Auch in Gela ist, wie in vielen anderen Städten (z.B. Catania), eine Antiracket-Organisation gegründet worden. Sie ist Teil einer ganzen Reihe von Bestrebungen in der Stadt, mafiosen Handlungsmustern zu begegnen.
Die Exkursionsgruppe wurde in einem modernen Industriegebäude empfangen. Neben den riesigen Lagerhallen befanden sich einige Büros sowie ein größerer, etwas nüchtern wirkender, Versammlungsraum. Geschmückt war dieser lediglich mit einem Werbebanner von AgroVerde.
Stefano Italiano, der Präsident der Kooperative und sein technischer Direktor Giuseppe Giardino begrüßten uns. Italiano stellte zunächst die „Cooperativa“ in ihrer heutigen Größe vor: AgroVerde produziert und vertreibt Agrarprodukte. Um uns eine Vorstellung von der Dimension des Unternehmens zu geben, nannte er die aktuelle Jahresproduktion von Tomaten, die bei 30.000 Tonnen liegt. Deutschland als Absatzmarkt nimmt eine bedeutende Stellung ein. Handelspartner befinden sich in München und Düsseldorf. Auf einer der bedeutendsten Messen der Ernährungswirtschaft, der Landwirtschaft und des Gartenbaus, der jährlich stattfindenden Internationalen Grünen Woche in Berlin, sind sie vertreten.
Als einen Grund neben anderen für den Zusammenschluss einzelner Agrarbetriebe zu einer Genossenschaft wurde die Absicht genannt, sich international betätigen zu wollen, um auf dem Markt konkurrenzfähig zu sein. Italiano meinte, dass dies heute der einzig begehbare Weg sei, um auf dem internationalen Markt erfolgreich zu sein. Er sprach davon, dass es notwendig sei, eine große Masse zu bilden, um mehr Beachtung zu finden. Auch die technische Assistenz sei ein wesentlicher Faktor, der dazu beitragen könne, ein Unternehmen international erfolgreich zu machen.
Allgemein gesprochen sind mindestens drei Personengruppen an einer Genossenschaft beteiligt: die Mitglieder, die Mitarbeiter ohne Führungsaufgaben und die Führungsspitze. Für die Konsensbildung im Sinne einer genossenschaftlichen Zielsetzung sind Einstellung und Verhaltensweisen der Mitglieder entscheidend. Der Mitgliederintegration kommt somit eine konstitutive Bedeutung zu (vgl. Fürstenberg 1980: 679f).
Was jedoch ist unter Mitgliederintegration zu verstehen? Italiano meinte dazu, dass nicht nur die Arbeit und somit die Wettbewerbsfähigkeit der Genossenschaften im Fokus stehe, sondern dass eine Genossenschaft auch kulturell wachsen solle. In diesem Kontext erklärte er uns, dass Mitglieder von AgroVerde beispielsweise an einer Blutspendeaktion teilgenommen hatten.
Genossenschaften haben der Definition nach sowohl wirtschaftliche wie auch sozio-kulturelle Funktionen zu erfüllen. Von Genossenschaften wird erwartet, dass sie die Produktion des jeweiligen Gebietes oder Landes steigern. Über die Genossenschaftsbildung soll es möglich sein, Kapital zusammenzuziehen und dieses Kapital bestimmten Investitionszwecken zuzuführen. Durch den Zusammenschluss der Mitglieder und ihrer Arbeitskraft soll die Erfüllung wichtiger gemeinsamer Aufgaben garantiert sein, und drittens soll eine Brücke zwischen Produktion und Absatz geschaffen werden, z.B. soll durch Ausschaltung von Zwischenhändlern die Wettbewerbsfähig-keit erhöht werden.
Im sozio-kulturellen Bereich sind folgende Erwartungen an Genossenschaften geknüpft: Förderung von Selbsthilfe, Erziehung zu marktorientiertem Denken, Angleichen der Startbedingungen, Förderung der Teilhabechancen durch „Demokratisierung“, Förderung innenpolitischer Stabilität und Impulse für eine sozio-kulturelle Entwicklung unter der Einbeziehung autochtoner Strukturen, wobei unter autochtonen Strukturen solche verstanden werden, die durch lokale, ursprüngliche Verhältnisse gewachsen sind (vgl. Giordano 1979: 59). Dieser Bereich wurde in unserem Gespräch weniger diskutiert, obwohl es aus soziologischer Perspektive sicherlich interessant gewesen wäre.
Wir haben von Italiano vor allem Informationen über wirtschaftliche Faktoren erhalten. Unklar blieb, wer Kapital eingebracht hat bzw. welche Quellen für das „Startkapital“ zur Verfügung standen. Auf die Frage nach geflossenen Subventionen sagte uns Italiano, dass es am Anfang keine Unterstützung gab. Einzig im Jahr 2000 sei eine finanzielle Förderung von staatlicher Seite erhalten worden, mit der ein Gebäudekomplex errichtet wurde. Diese Tatsache ist bemerkenswert, da in mehreren unaghängig voneinander gefürhten Untersuchungen in den 1980er Jahren herausgefunden wurde, dass sizilianische Genossenschaftsmitglieder nicht bereit waren, eigene Kräfte zu mobilisieren, wenn nicht sichergestellt war, dass der Staat oder die Region Zuschüsse gewährte. Erst dann erschien der Einsatz eigener Kräfte lohnenswert (vgl. Giordano 1979: 115).
Von einer Förderung seitens des Staates oder der Region konnte nach Aussagen von Italiano wohl niemand ausgehen, und es ist daher erstaunlich, dass bereits ein Jahr nach der Genossen-schaftsgründung im Jahre 1994 die Mitgliederzahl beträchtlich angewachsen war. Es waren anfangs junge Menschen, die sich zusammengefunden hatten. Bei den älteren war große Skepsis vorhanden und die jungen Leute wurden von diesen eher entmutigt als ermutigt. Bei den Älteren kommt eine Haltung zum Ausdruck, die Friedrich Georg Friedmann (emeritierter Ordentlicher Professor der Amerikanistik an der Universität München, Feldforschungsprojekte) als eine eigentümliche Würde der „miseria“ bezeichnet, als einen Geist des Hinnehmens (vgl. Friedmann 1969: 41). Eine Haltung, die in Sizilien durch historische Ereignisse geprägt ist, vor allem durch die große Anzahl von Fremdherrschaften.
Handlungsentscheidungen werden aufgrund gemachter Erfahrung getroffen. Somit kann man bei den jungen Leuten, die das Vorhaben eine „Cooperativa“ zu gründen und dieses mit Optimismus angingen, eine Veränderung attestieren. Da die Gründe dieser Haltung nicht bekannt sind, soll an dieser Stelle erwogen werden, dass ebenso zuwider laufende traditionelle Denkschemata zu dieser Entscheidung geführt haben können.
Da nach unseren Informationen die Mafia Schutzgleder von Italiano eingefordert hatte (mehr hierzu), fragten wir nach Begegnungen mit der Mafia. Hierauf erzählte Italiano, dass in der Anfangsphase sehr viele Mitglieder der Genossenschaft an „Aufpasser“, Männer, die dafür sorgten, dass nichts abhanden kam, Schutzgelder bezahlten. Er sei dagegen gewesen.
Eine weitere Begebenheit war, dass es eine Zeit gab, in der die Genossenschaft offenbar keine freie Wahl der Transportunternehmen hatte. Diejenigen, mit denen sie zusammenarbeiten wollte, erteilten ihnen stets Absagen. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Unternehmen Drohungen erhielten, so dass sie Transportaufträge von AgroVerde ausschlugen. An dieser Stelle wird deutlich, dass es nur schwer möglich ist, sich der Mafia zu entziehen. Wir konnten Parallelen zu einem Unternehmen in Catania feststellen (Bericht) und auch Rosario Crocetta erzählte uns, dass bei Ausschreibungen die Subaufträge wiederum oft an Unternehmen der Mafia vergeben werden – wohl nicht ohne Zwang.
In Sizilien ist ein ausgeprägtes Misstrauen außerhalb familialen, freundschaftlichen und klientelistischen Beziehungen charakteristisch. Dieser Wesenszug ist wenig günstig für die Gründung einer Genossenschaft. Bemerkenswert ist es daher, dass die jungen Genossenschaftsmitgliedern in der Entstehungszeit der Genossenschaft Energie und Kapital für diese Sache investierten, obwohl noch offen war, wie sich dieses Unternehmen in der Zukunft entwickeln würde.
Im Jahr 2003 war die Aufnahmekapazität der Genossenschaft „erschöpft“. Damit soll gesagt werden, dass weiteren Nichtmitgliedern eine Mitgliedschaft erstrebenswert erschien, diese jedoch nicht mehr aufgenommen werden konnten. Genossenschaften sind von der Idee her offene Organisationen. In der Praxis ist jedoch die Gruppengröße ein relevanter Faktor, wenn es um die erfolgreiche Umsetzung von Vorhaben geht.
Stefano Italiano ist außerdem Vizepräsident der Antiracket-Organisation in Gela. Seit 2006, so berichtet er, gibt es immer mehr Anzeigen gegen die Mafia. Ein neues Bewusstsein macht sich breit, jedoch zahlen von zehn Unternehmen immer noch sieben den sogenannten pizzu, das Schutzgeld (Rosaria Crocetta, der Bürgermeister von Gela, nannte uns diese Zahl, die durch den Bericht SOS Impresa der Convesercenti erhoben wurde). Zudem sind viele Un-ternehmen selbst im Besitz der Mafia. Es ist der Mafia mittlerweile möglich, mit legalen Mitteln zu Aufstieg und Gewinn zu kommen.
Für einen Unternehmer selbst ist es schwierig, der Mafia entgegenzutreten. Dazu berichtet Italiano, was sich bei AgroVerde zugetragen hat: In den Räumen de Genossenschaft fand vor einigen Jahren ein Treffen von einigen Mafiosi und seiner Person statt. Dabei ging es um Schutzgeldforderungen. Dieses Gespräch wurde jedoch so geführt, dass man zu der Meinung kommen konnte, dass Italiano mit der Mafia kooperierte. Das Gespräch wurde von der Polizei abgehört, woraufhin Italiano in Verdacht geriet, mit der Mafia zusammenzuarbeiten. In einer Situation wie dieser sind nun Transparenz und Nachvollziehbarkeit sehr wichtig, um Verdachtsmomente einer Mittäterschaft zu beseitigen oder zu bekräftigen. Der Verdacht einer Mittäterschaft Italianos konnte in diesem Fall nicht aufrechterhalten werden.
In Gesellschaften, in denen jedoch personalen Beziehungen mehr Vertrauen entgegengebracht wird als formalen Rechtsbeschlüssen, und in welchen Regeln aufgrund personaler Beziehungen nicht immer eingehalten werden, ist es nicht selbstverständlich, dass ein Verdacht, der unbegründet ist, auch als unbegründet erkannt wird. Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, letztendlich in hohem Grade gegenüber allem, was formalisiert ist, ist eine Eigenschaft, die vielen Gesellschaften, die in der Vergangenheit in hohem Grade Fremdherrschaft erfahren haben, in hohem Maße eigen ist und einige empirische Studien, die in Sizilien durchgeführt wurden (vgl. Giordano 1992: 368ff), können belegen, dass dies auch in Sizilien ein ausgeprägtes Phänomen ist.
Max Weber hat die besondere Bedeutung des Bürokratenapparates innerhalb eines Staates in großartiger Manier herausgearbeitet und als eine der grundlegenden Säulen eines funktionierenden Staates angesehen (vgl. Weber: 126ff). Mehrfach wurde uns auf unserer Sizilienexkursion gesagt, dass die Mafia Teil des Staates sei. Somit ist die Mafia weit mehr als eine kriminelle Organisation. Sie kann in einem weit gefassten Sinne als sozialisierte Verhaltensweisen gesehen werden, die sich, aber nicht nur, im italienischen Staat breit gemacht haben und uns in Zukunft noch weit über Italiens Grenzen hinaus beschäftigen werden.
Da sich unser erster Gesprächspartner in Gela, der Bürgermeister Rosaria Crocetta, unerwartet lange Zeit für uns genommen hatte, fand unser Gespräch mit Stefano Italiano erst in den Abendstunden statt. Der Präsident und sein technischer Direktor waren freundlicherweise bereit, uns auch zu so später Stunde noch zu empfangen. Die Exkursionsgruppe war es dann schließlich, die nach etwas mehr als einer Stunde auf ein Ende drängen musste, da sie noch eine dreistündige Fahrt nach Palermo vor sich hatte.
Literatur:
Ciccarello, Elena (2007): Denunciare per sopravvivere. In: narcomafie.
www.narcomafie.it/articoli_2007/dos1_4_2007.htm (abgerufen am 09.02.2008).
Friedmann, Friedrich Georg, (1969): La Miseria. Die Welt des süditalienischen Bauern. In: Friedmann, Friedrich Georg, Politik und Kultur. München. Beck. 38-56.
Fürstenberg, Friedrich, (1980): Genossenschaften, Soziologische Merkmale. In: Mändle, Eduard (Hrsg.): Handwör-terbuch des Genossenschaftswesens. Wiesbaden. Deutscher Genossenschafts-Verlag. 677-687.
Giordano, Christian (1992): Die Betrogenen der Geschichte. Überlagerungsmentalität und Überlagerungsrationalität in mediterranen Gesellschaften. Frankfurt/Main. Campus.
Giordano, Christian/Hettlage, Robert (1979): Persistenz im Wandel. Das Mobilisierungspotential sizilianischer Ge-nossenschaften. Eine Fallstudie zur Entwicklungsproblematik. Tübingen.
Weber, Max (1980): Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriß der verstehenden Soziologie/Besorgt von Johannes Winkelmann. 5., rev. Aufl., Studienausg.. Tübingen. Mohr.