Besuch im „Centro Padre Nostro“ und Gespräch mit Maurizio Artale

Die schwierige Arbeit mit sozial gefährdeten Jugendlichen

von Kristina Marjanovic

Maurizio Artale

Maurizio Artale

Palermo – Das Klischee einer Mafiahochburg ohne Glanz, lebendiger Atmosphäre und Hoffnung bewahrheitet sich im ärmlichen Stadtteil Brancaccio, welcher fernab vom Tourismus oft vergessen wird. Die Lebensbedingungen vieler Menschen hier sind schlecht, es fehlt an Infrastrukturen und vor allem an Arbeit, weshalb die Menschen in jeder Lebenslage Unterstützung benötigen. Doch inmitten dieser Armut findet man das kleine Sozialzentrum Centro Padre Nostro, welches sich als Hoffnungsschimmer für die dort ansässigen Menschen erweist. Dorthin fuhren wir am Morgen des 19. Februar, um uns in dem kleinen gelben Haus, in welchem das Sozialzentrum untergebracht ist, mit dessen Leiter Maurizio Artale zu treffen. Maurizio begrüßte uns sehr freundlich, ließ uns in einem kleinen Raum neben seinem Büro Platz nehmen und hielt zunächst einen kleinen Vortrag über die Geschichte seines Sozialzentrums, bevor er sich schließlich fast zwei Stunden lang unseren Fragen stellte.

Das „Centro“ wurde 1991 von dem Priester Giuseppe (Pino) Puglisi initiiert, welcher aber dessen offizielle Gründung selbst nicht mehr miterleben durfte. Er wurde am 15. September 1993 – als bislang einziger Priester – von der Mafia ermordet. „Padre Pino“ wuchs selbst im Stadtteil Brancaccio auf, studierte dann Theologie und wurde schließlich im Jahre 1960 zum Priester ordiniert. Nach Jahren der Arbeit in verschiedenen Pfarrgemeinden in Palermo sowie auch als Gemeindepriester im Dorf Godrano, kehrte er schließlich im Jahre 1990 – nunmehr als Priester der Pfarrei San Gaetano – in den Brancaccio, und damit zu seinen Wurzeln zurück. Zu diesem Zeitpunkt war er schon längst zu einem leidenschaftlichen Gegner der Mafia geworden. Er nahm niemals – wie in anderen Gemeinden üblich – Geld von der „Ehrenwehrten Gesellschaft“ für die Kirchenfeste und duldete ebenfalls keine Repräsentation der Mafia bei den Prozessionen. Die vorherrschenden Probleme und die obskuren Machenschaften der Mafia ließen in ihm die Idee heranreifen, ein Sozialzentrum ins Leben zu rufen, welches sich den Schwierigkeiten der Menschen annehmen sollte. Da dieses Zentrum auch tatsächlich entstanden ist, war Puglisis Tod zweifellos nicht zwecklos. Durch dessen brutale Ermordung seitens mafioser Killer, wurde – zumindest in Teilen der Bevölkerung – eine vehemente Distanzierung zur Mafia ausgelöst. Sogar Puglisi’s Mörder, Salvatore Grigoli, gestand bei seiner Verhaftung, dass dieser eine Mord sein Leben verändert hatte. Der Priester habe kurz vor seiner Ermordung keinerlei Angst gezeigt, sondern ihm sogar ein Lächeln geschenkt und erklärt: „Ich habe es mir erwartet“.

Heute wird das Zentrum von Mafiagegner Maurizio Artale geleitet, welcher sich mit weiteren 150 ehrenamtlichen Mitarbeitern um die bedürftigen Menschen des Stadtteils kümmert. Er ist zweifellos eine sehr charismatische Persönlichkeit mit einem enormen Organisationstalent. Herr Artale antwortete auf jede ihm gestellte Frage ohne je auszuweichen. Hätten wir nicht wegen unseres nächsten Termins aufbrechen müssen, so hätten wir ihn gerne noch etwas länger befragt.

Auch wenn manche seiner Geschichten etwas einstudiert wirkten, da sie Artale bei seinen Vorträgen sicher wieder und wieder erzählt, so verfehlten sie keinesfalls ihre Wirkung. Mit Hilfe von Beispielen aus dem Leben von Personen aus dem Viertel – vor allem Kindern und Jugendlichen – lässt sich die Situation der Menschen im Brancaccio besser veranschaulichen, als mit nüchternen Zahlen und Statistiken, welche man ohnehin gleich wieder vergisst.

Artale beschreibt seine Arbeit mit einem stetigen Lächeln und erklärt uns, dass er sie nicht nur aus religiösen Gründen verrichte, sondern fest davon überzeugt sei, dass jeder Mensch die Pflicht habe, Nächstenliebe zu praktizieren. Er berichtet uns dabei auch von seinem persönlichen Weg und einem Geschehnis, die ihn dazu brachten, sein eigenes Leben zu verändern: Als Kind sei er selbst ein „Unruhestifter“ gewesen, wie er uns mit einem jungenhaften Grinsen erzählte. Eine seiner liebsten Freizeitbeschäftigungen sei gewesen, mit dem Fußball die schönen bunten Fenster der Kirche seines Viertels zu zerschießen. Eines Tages allerdings ertappte ihn der Pfarrer auf frischer Tat. Der Priester war insofern sehr klug, als er ihn zwar ausschimpfte, ihn aber gleichzeitig zum Vorsitzenden des Film- und Video-Clubs der Jugendgruppe der Pfarrgemeinde ernannte.

Artale begriff damals, dass das Leben unterschiedliche Möglichkeiten für jeden Menschen offen hält. Nach einer Ausbildung zum Elektriker machte er das Abitur nach und begann dann später als Erwachsener an der Universität Theologie zu studieren. Als ihn die Aufnahmekommission nach dem Grund für seine Studienwahl fragte, antwortet Artale mit einem verschmitzten Lächeln: „Ich habe eine Ausbildung als Elektriker absolviert, um das Licht zu studieren und nun möchte ich ein anderes Licht studieren“. Trotz der ständigen Bedrohungen, welchen das Zentrum seitens der Mafia ausgesetzt ist, denkt Maurizio Artale nicht eine Minute lang daran, seine Arbeit niederzulegen und aufzugeben. Das Engagement im Sozialzentrum ist ihm zur Lebensaufgabe geworden. Dies wird u.a. auch deutlich, als er uns erzählt, dass sogar seine Familie in das Zentrumsgeschehen involviert sei. Einzig jene Tatsache scheint seine Stimmung zu trüben, dass sich die offizielle Amtskirche angesichts der massiven Morddrohungen, die Maurizio 2007 persönlich erhalten hat, indifferent zeigte.

Befragt nach den konkreten Aktivitäten des Zentrums berichtete Artale, dieses arbeite hauptsächlich mit Jugendlichen, bedürftigen Familien und alten Menschen. Die Mitarbeiter versuchten, die soziale, religiöse und kulturelle Situation der Menschen im Viertel zu verbessern. Eines der primären Ziele sei es, die Bewohner von der Mafia unabhängig zu machen und Jugendlichen eine neue Zukunftsperspektive zu geben. Das Zentrum erhält keine öffentlichen Zuschüsse, obwohl es oft an entsprechenden Ausschreibungen teilnimmt. Darüber hinaus gibt es seit langer Zeit eine Zusammenarbeit mit dem Schweizer Pestalozzi-Dorf, welches diverse Projekte des Zentrums auch finanziell unterstützt.

Das „Centro“ fing nach der Ermordung Puglisis mit acht Mitarbeitern an, heute jedoch wird es von rund 150 freiwilligen Helfern unterstützt. Das Zentrum betreut drei „Familienhäuser“, in denen man sich um misshandelte Frauen kümmert, und betreibt außerdem ein Wohnheim für Kinder im Alter von sechs bis dreizehn Jahren. Zahlreiche Kinder werden körperlich oder sexuell misshandelt und auf Grund sozialer Deprivation kann man heutzutage sogar eine erhöhte Gewaltbereitschaft weiblicher Jugendlicher beobachten.

Das Sozialzentrum kümmert sich momentan um 110 Kinder. Beispielsweise verbringen jedes Jahr ca. 30 Kinder ihre Sommerferien im Schweizer Pestalozzi Kinderdorf. Des Weiteren wird in drei Schulen gegenwärtig Aufklärungsarbeit bezüglich der Gewalt gegen Kinder bzw. sexuelle Übergriffe betrieben. Noch immer stellt die hohe Jugendarbeitslosigkeit – momentan bei ca. 57% – ein enormes Problem in Sizilien dar. Der Umstand, dass es schlicht keine legale Arbeit für sie gibt, zwingt viele Jugendliche dazu, in einer kriminellen Karriere den einzigen Weg der Überlebenssicherung zu sehen. So werden zahlreiche Kinder bereits in jungen Jahren delinquent und einige sogar von ihren Eltern zu diesem Verhalten gedrängt.

Maurizio Artale erzählt uns von seinen Reisen mit Kindergruppen in die Schweiz und dem Jungen Carmelo. Dieser hatte sich beim Betrachten der nächtlichen Sterne gewundert, dass es in der Schweiz so viele Sterne gab. Maurizio fragte ihn, ob er denn niemals die Sterne in Palermo bemerkt hätte. Das war tatsächlich der Fall. Der kleine Junge war von seinem Vater zum Stehlen gezwungen worden und hatte schlicht nie Zeit gehabt, auf die Sterne am Himmel zu achten. Erst in der Schweiz, in einer freien und entspannten Situation, nahm er wahr, dass der Nachthimmel voller Sterne war…

Zu den wichtigsten Aktivitäten des Zentrums in Bezug auf die Familienarbeit zählt die ganz konkrete ökonomische Unterstützung, so etwa die Verteilung kostenloser Lebensmittel und Kleidung; ferner die Bereitstellung eines Sozialarbeiters und eines Psychologen, welche bei persönlichen Problemen intervenieren und helfen. Des Weiteren bietet das Zentrum Kurse für Erwachsene an, bei denen diese den Schulabschluss nachholen können. Immer noch besitzen viele Erwachsene in den Armenvierteln Palermos keinen Schulabschluss und viele Kinder besuchen nach wie vor keine Schule. Die Frauenarbeit des Zentrums konzentriert sich auf die Auseinandersetzung der Frauen mit ihrer Rolle in der Gesellschaft. Wichtig ist es, so Artale, den Frauen ihren eigenen Wert bewusst zu machen, so dass sie ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln können. Darüber hinaus werden Familienberatung und gynäkologische Hilfestellungen angeboten. Schließlich ist auch noch die Seniorenarbeit des Sozialzentrums zu erwähnen. Auf diesem Sektor bietet das Centro Padre Nostro alten Menschen abwechslungsreiche Freizeitprogramme an, welche der Einsamkeit entgegenwirken und helfen sollen, die Senioren ohne Familie wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Als Fazit unseres Besuchs im Sozialzentrum möchte ich mit einem Zitat von Hermann Hesse schließen, welches meinen Eindruck vom Centro Padre Nostro und seinen Mitarbeitern recht gut widergibt: „Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden“.

Links
www.centropadrenostro.it
info@centropadrenostro.it

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