Gespräch mit dem Journalisten und Schriftsteller Enrico Bellavia
von Valentin Haase
Im Zentrum der Altstadt von Palermo kämpft ein Mann mit dem geschriebenen Wort gegen die Mafia: Enrico Bellavia. „Im Land der Mafia sind Informationen Bildung“ beschreibt er seinen Auftrag und weist auf das problematische Mediensystem in Italien und in Sizilien hin. Im Kleinen wie im Großen werde das Mediensystem durch wenige Familien und Persönlichkeiten geprägt. Silvio Berlusconi ist nicht nur im Fernsehgeschäft eine dominierende Figur, sondern hat auch unter anderem über den italienischen Großindustriellenverband einen enormen Einfluss auf Printmedien. Auch Sizilien wird geprägt von einer dominierenden Verlegerfamilie, die zwei der drei Lokalzeitungen auf Sizilien besitzt. Sowohl in Italien, als auch in Sizilien herrsche eine Anomalie im Bezug auf die Medienlandschaft.
Im Gegensatz zu den deutschen oder angelsächsischen Medienkonzernen, die sich meistens noch in der Hand einer oder mehreren Familie befinden, wie beispielsweise die Frankfurter Allge¬meine Zeitung, ist in Italien die Nähe zu Großindustriellen sehr ausgeprägt. So gehört die drittgrößte Tageszeitung La Stampa zum Fiatkonzern und auch die La Repubblica, die zweitgrößte politische Tageszeitung Italiens, für die Enrico Bellavia schreibt, gehört zum Unternehmen des Olivettibesitzers Carlo De Benedetti.
Auf ihn habe aber noch nie jemand Einfluss zu nehmen versucht, sagt Bellavia, und begründet das mit seiner Biographie. Schließlich sei er ohne „Raccomandazione“ (= Empfehlung) als einer der ersten vier Reporter für das sizilianische Regionalbüro der Repubblica eingestellt worden. Vierzehn Jahre zuvor, konkret im Jahre 1984, hatte seine Karriere bei einem sizilianischen Regio¬nalsender begonnen, bei dem ihm kurz nach seinem Eintritt die Redaktion des „schwarzen Journalismus“, also Verbrechen und Justizangelegenheiten, angeboten wurde. Über die Mafia zu berichten, sei also ganz einfach zu seinem Beruf geworden. Enrico Bellavia würde sich noch nicht einmal als investigativen Journalisten bezeichnen, denn es sei ganz einfach die Pflicht jedes Journalisten, sich zu informieren und die Wahrheit zu schreiben.
Die wichtigste Aufgabe sei aber die Bewertung von Informationen durch die Journalisten. Denn innerhalb der Zeitungslandschaft Italiens werden keine Meinungen artikuliert, sondern nur Informationen geliefert; die Zeitungen verneinen also ihre Gate-keeper-Funktion innerhalb der Gesellschaft. Verstärkt durch die lange Amtszeit von Berlusconi sei der Staatsbürger nicht mehr ein aktiver Rechteinhaber, sondern nur noch ein passiver Medienkonsument.
Als der zu lebenslanger Haft verurteilte Michele Greco, einstmals der mächtige Capo der sog. „Mafia-Kuppel“ und Statthalter der Corleonesi in Palermo, im Januar 2008 an Altersschwäche im Gefängnis starb, war die Berichterstattung in den verschiedenen Zeitungen Siziliens unterschied¬lich: Die lokalen Blätter meldeten nur kurz seinen Tod, ohne weitergehende Informationen. Gerade hier, beim von vielen Leuten als mächtigsten Mann von Palermo der 80-er Jahre bezeichneten Greco, hätte eine journalistische Informationspflicht bestanden. Doch nur Bellavia habe anlässlich der Beerdigung von Greco über die Haltung der Menschen in dessen Stadtteil eine Reportage geschrieben: Als einziger Journalist habe er einfach nur mit den Leuten des Stadtteils geredet, die Greco übrigens größtenteils als „Wohltäter“ bezeichneten.
Doch die wirklich tragischen Fälle spielen sich nicht in Palermo ab, sondern auf dem Land und in den Lokalredaktionen. Bellavia bezieht sich auf Menschen, die dort als „Feierabendjournalisten“ neben ihrer normalen Arbeit noch die Geschäfte der lokalen Mafiapaten für ein Zeilen¬honorar von nur wenigen Cent berichteten und dafür mit dem Tod bedroht und manchmal sogar umgebracht wurden. Er selbst, der auch schon provokante Thesen über die Mafia veröffentlicht hat, habe bisher noch keinen Konflikt mit der ihr ausstehen müssen. Er habe aber das Glück zu einer großen Organisation, der Repubblica, zu gehören. Denn die Mafia bedroht ausschließlich die Schwachen. Gleichzeitig sorgt Bellavia auch vor. Er schreibe immer sofort alles, was er weiß, in den jeweiligen Artikel, der dann am nächsten Tag veröffentlicht wird. Am meisten riskiere man, wenn man Wissen für sich oder für eine spätere Veröffentlichung zurückhalte. Eine Fortsetzungsgeschichte über Skandale in Palermo würde er aus diesem Grund etwa nicht verfassen. Wenn aber schon viele seinen Artikel gelesen haben, also sein komplettes Wissen erfahren haben, dann werde die Mafia nichts gegen ihn unternehmen, da dies für sie keinen Gewinn bringt. Ein zweiter Schutz gegen die Mafia ist die öffentliche Aufmerksamkeit, die gerade seinen neapolitanischen Kollegen, Roberto Saviano vor Anschlägen schützt.
Problematischer ist es für ihn oft, seine Informanten innerhalb der Regierung zu schützen. Denn für das Weiterreichen von geheimen Informationen drohen Staatsbediensteten oft empfindliche Strafen. Seitdem Bellavia im Journalismus arbeite, habe er aber eine seltene Form des „Morbus Alzheimer“, der ihm zwar erlaube, seine Arbeit geregelt auszuführen, aber sein unfassbar schlechtes Namensgedächtnis, vor allem von Behördenmitarbeitern, medizinisch begründet.
Denn die Mafia und der Staat sind in Sizilien nur schwer zu trennen, wie der Fall Salvatore „Vasa Vasa“ Cuffaro beweist. Totò Cuffaro trat am 26. Januar 2008 als sizilianischer Regionalpräsident zurück und wurde wegen Mafiaverbindungen zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Frau hatte mit einem bekannten „Mafiapaten“ im privaten Krankenhausbereich zusammengearbeitet; diesen Geschäftspartner seiner Frau kannte Cuffaro seinen Beteuerungen zufolge kaum. Solche Verbindungen von Politik und Verbrechen aufzudecken sei wichtig, und gerade deshalb wäre ein unabhängiger Journalismus in Italien essentiell. Ansonsten wer¬den die italienischen Bürger immer stärker ausschließlich zu Medienkonsumenten anstatt am Aufbau einer aktiven Bürgergesellschaft, die sich automatisch gegen die Mafia und die korrupten Teile des Staates richten würde, teilzunehmen.
Dieses Vermächtnis des sog. „palermitanischen Frühlings“ in der zweiten Hälfte der 80-er und in den frühen 90-er Jahren hat Bellavia in seiner Laufbahn begleitet, schließlich war er damals erst um die zwanzig Jahre alt und begeistert von der Atmosphäre in der Stadt. Heute sei alles etwas schwieriger; es gebe nicht mehr soviel Engagement, aber immerhin könne man heute schon gegen die Mafia agieren, ohne mit dem unmittelbar Schlimmsten rechnen zu müssen. Der Kampf um ein freies Italien beginnt mit dem Kampf gegen die Mafia, sagt Bellavia, aber die einzige Waffe die er dafür benutze sei der Stift.
Literatur
Bellavia, Enrico (2005): Brancaccio, palestra della mafia. Limes Nr. 2: 69-77
Bellavia, Enrico/Mazzocchi, Silvana (2007): Iddu. La cattura di Bernardo Provenzano. Mailand (Baldini Castoldi Dalai Editori)
Bellavia, Enrico/Palazzolo, Salvo (2004): Voglia di mafia. Le metamorfosi di Cosa nostra da Capaci a oggi. Rom (Carocci)
Bellavia, Enrico/Palazzolo, Salvo (2002): Affari, Bugie e Videotape. Migromega, Heft 20, 4. Quartal: 169-176
Bellavia, Enrico/Palazzolo, Salvo (2002): Falcone Borsellino Mistero di Stato. Pa¬lermo/Florenz (Edizioni della Battaglia)