Entwicklung und aktuelle Situation der Antiracket-Bewegung in Catania

Gespräch mit Pia Giulia Nucci und anderen Mitgliedern von ASAEC über die Methoden und Erfolge der Bewegung

von Robert Renner

Am vorletzten Tag der Exkursion fuhr die Gruppe mit dem Bus von Palermo in die ca. 200 Kilometer entfernte Stadt Catania. Die zweitgrößte Stadt Siziliens ist mit ihren 440.000 Einwohnern gleichzeitig auch die Hauptstadt der Provinz Catania. Am Fuße des Ätna, der mit ca. 3.400 Metern Europas höchster Vulkan ist, liegt Catania an der Ostküste Siziliens am gleichnamigen Golf, der sich bis zur Stadt Syrakus erstreckt. Aufgrund ihrer zahlreichen Barockbauten wurde die Stadt im Jahr 2002 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Der Name Catania leitet sich aus dem altsizilianischen Wort Katane ab, was soviel wie Raspel oder Reibe bedeutet. Er bezieht sich auf das dort überall anzutreffende Lavagestein, das durch die scharfen Kanten und die typische Form als solche bezeichnet werden kann. In der Agglomeration Catania, die sich nördlich der Stadt bis zum Fuß des Ätna ausdehnt, leben ca. 670.000 Menschen (Homepage der Stadt Catania >>).

Nach einer zweieinhalbstündigen Fahrt erreichte der Bus das Zentrum Catanias und es war noch genug Zeit, um kurz den berühmten Fischmarkt zu besuchen, der nur ein paar Schritte von unserem ersten Treffpunkt entfernt war. Ein spektakulärer und ungewohnter Anblick bot sich, als wir uns zwischen schreienden Markthändlern und exotischen Fischarten hindurchschlängelten. Um elf Uhr nahmen wir unseren ersten Termin im Palazzo Biscari wahr. Der wohl bedeutendste Palazzo Catanias wurde im Auftrag der Familie Paternò Castello, Principi di Biscari gebaut und zeigt im inneren Stilelemente des Rokoko. Von außen sind seine Fenster mit aufwendigen Barockverzierungen geschmückt.

Dort trafen wir Pia Giulia Nucci, die ehemalige Vorsitzende der Antiracket-Organisation Catanias, eine Vereinigung gegen Schutzgelderpressung und Wucher der Mafia. Der Dachverband, der mit ca. 50 Niederlassungen vor allem im Süden Italiens vertreten ist, wurde im Jahr 1991 aufgrund der Ermordung eines Geschäftsmannes aus Palermo namens Libero Grassi gegründet. Dieser lehnte zum ersten Mal die Schutzgeldzahlungen an die Mafia ab und führte so der italienischen Bevölkerung vor Augen, dass ein Einzelner gegen die organisierte Kriminalität nicht erfolgreich vorgehen kann. Daraufhin wurde die Antiracket-Organisation ins Leben gerufen.

Pia Giulia Nucci, eine temperamentvolle Dame gehobenen Alters, empfing uns sehr herzlich. Sie führte uns in einen Konferenzraum des Palazzo, in dem unter anderem die derzeitige Präsidentin der Anitracket-Organisation, Adriana Guarnaccia, und eine ihrer Mitarbeiterinnen auf uns warteten. Der Anwalt und ein aktives Mitglied der Organisation waren ebenfalls vor Ort. Pia Giulia Nucci, die durch ihre sympathische und lebensfrohe Art das Gespräch leitete, wurde 1942 in Catania als Tochter einer Unternehmerfamilie geboren. Ihre Eltern stammten aus der Toskana. Nachdem sie eine katholische Nonnenschule besucht hatte, heiratete sie und wurde Hausfrau sowie Mutter zweier Kinder. Ab den 1980-er Jahren engagierte sie sich zum ersten Mal in einer politischen Organisation mit dem Namen „Città assieme“. Nach ihrer Scheidung übernahm sie den Betrieb ihres Vaters und verweigerte nach dessen Vorbild ebenfalls die Schutzgeldzahlungen, den so genannten „pizzo“, an die Mafia. In Folge dessen musste sie einige Raubüberfälle auf ihr Unternehmen hinnehmen und gründete kurz darauf die Organisation „Associazione Antiestorsione Catanese” (ASAEC) mit Hilfe von Tano Grasso, der in Capo d’Orlando (Provinz Messina) die erste Antiracket-Organisation Italiens ins Leben gerufen hatte. Im Jahr 2000 wurde Pia Giulia Nucci zur Vorsitzenden aller italienischen Antiracket-Organisationen, gab das Amt allerdings nach einigen Jahren wieder ab.

Pia Giulia Nucci begann das Gespräch mit einigen Informationen über die Antiracket-Organisation in Catania. Dabei schilderte sie, wie die Vereinigung die betroffenen Geschäftsleute konkret unterstützt: Bei Behördengängen und Gerichtsverhandlungen bietet die Organisation, mitunter durch einen Anwalt, ihren Mitgliedern Hilfe an. Die Antiracket-Organisation habe außerdem zu einem Gesetz beigetragen, das im Jahr 1999 beschlossen wurde. Dieses Gesetz garantiert teilweise staatliche Zuschüsse an Unternehmer, wenn diese im Zuge ihres Widerstandes gegen die Mafia einen finanziellen Schaden erleiden, der beispielsweise durch Brandanschläge entstehen könnte. Die Vereinigung zählt 300 Mitlieder und hat bis heute über hundert Prozesse geführt. Reaktionen seitens der Mafia in Form von Drohungen oder Anschlägen habe es bis jetzt nicht gegeben, was sich Frau Nucci dadurch erklärte, dass ihre Organisation kein Schattendasein führe und durch ihre steigende Mitgliederzahl eine abschreckende Wirkung habe.

Auf die Frage, warum Pia Giulia Nucci den Vorsitz aller italienischen Antiracket-Organisationen nach ein paar Jahren abgegeben hat, antwortet die agile Frau mit der silbergrauen Kurzhaarfrisur, dass ihr für diesen Posten das politische Temperament gefehlt habe, was sie vor allem auch auf ihre mediale Präsenz bezog. Des Weiteren führte sie an, dass die Erfolgserlebnisse in dieser Position rar gewesen seien und sie auf lokaler Ebene mehr erreichen konnte.

Nachdem die Mafia in jüngster Vergangenheit einige herbe Rückschläge erleiden musste und viele Verurteilungen ausgesprochen wurden, bezog sich die nächste Frage auf die aktuelle Situation im Vergleich zu den Anfängen der Organisation. Daraufhin antwortete die Präsidentin der Antiracket-Organisation, dass sich nach 17 Jahren harter Arbeit erst seit dem Jahr 2006 erste Erfolge verzeichnen lassen. Vor allem aus der so genannten „Confindustria“, der Industrievereinigung, habe es unterstützende Reaktionen auf ihre Arbeit gegeben, die zuvor ausgeblieben seien. Eine wichtige Ursache dafür sei der neue Präsident der sizilianischen Confindustria, Ivan Lo Bello, der ebenfalls Antimafiapolitik betreibe und die Organisation tatkräftig unterstütze. Eine persönliche Frage an Pia Giulia betraf ihr plötzliches politisches Engagement in den 1980er Jahren nach ihrer Scheidung. Sie führte ihre Entscheidung auf das Vorbild ihres Vaters und den Begründer der Antiracket-Bewegung Tano Grasso zurück, die sie in ihrem Vorhaben bestärkt haben. Außerdem sah sie ihr Engagement schon immer als ihre staatsbürgerliche Pflicht an. Bereits die erste Schutzgeldforderung an ihr damaliges Unternehmen zeigte sie bei der Polizei an.

Filippo Casella und Pia Giulia Nucci

Filippo Casella und Pia Giulia Nucci

Im weiteren Verlauf des Gesprächs kam nun mit Filippo Casella ein betroffener Unternehmer zu Wort, der sich durch die Mitgliedschaft bei der Antiracket-Organisation vom „pizzo“ befreien konnte. Der Mann mittleren Alters schilderte ausführlich, wie seine Transportfirma von der Mafia ausgebeutet wurde. Als er sein Unternehmen im Jahr 1990 gegründet hatte, blieb die Schutzgeldforderung zunächst aus. Erst als das Unternehmen Mitte der 1990er Jahr florierte, meldete sich die Mafia telefonisch bei ihm und forderte einen „pizzo“ in Höhe von 1.000 Euro monatlich. Durch weitere Verhandlungen konnte der Unternehmer das Schutzgeld auf 500 Euro drücken und zahlte ab diesem Zeitpunkt regelmäßig. Als er trotz dieser Zahlungen im weiteren Verlauf mehrmals beraubt wurde und die Schutzgeldforderungen daraufhin immer höher wurden, wusste er keinen Rat mehr. Die Mafia hatte den Versuch unternommen, das Unternehmen durch weitere Forderungen in ihre Hände zu bringen. Dieses Verhalten stellt keine Seltenheit dar, da in der Vergangenheit viele sizilianische Unternehmer ihre Firma aus Angst vor Anschlägen in die Hände der Mafia gaben. Offiziell blieben sie weiterhin Eigentümer, ihr Gehalt bezogen sie jedoch von der Mafia.

Der Unternehmer hatte sechs Jahre lang Schutzgeld gezahlt und trotzdem immer wieder Diebstähle und Bedrohungen hinnehmen müssen. Der finanzielle Schaden, der dadurch entstand, betrug insgesamt 250.000 Euro. Als er von der Antiracketorganisation erfuhr, vergingen wiederum einige Monate, bis er den Schritt wagte und sich bei ihr meldete. Pia Giulia Nucci bestätigte dies und fügte hinzu, dass das Schamgefühl vieler Betroffener oft sehr groß sei. Nachdem der Unternehmer mit Hilfe der Organisation die Schutzgeldzahlungen verweigerte und die Erpresser angezeigt hatte, wurden diese schließlich verhaftet. Er wurde ein aktives Mitglied der Antiracket-Organisation und dient bei Vorträgen an Schulen und öffentlichen Einrichtungen als lebender Beweis für ihren Erfolg. Sein persönliches Anliegen sei es, andere Unternehmer davor zu bewahren, in eine ähnliche Situation zu geraten. Schutzgeldforderungen sollten frühzeitig angezeigt werden.

Im Januar 2007 habe er eine neue Firma gegründet, was nicht möglich gewesen wäre, hätte er weitere Schutzgeldzahlungen leisten müssen, da der „pizzo“ jegliche wirtschaftliche Expansion verhindert. Auf die Frage woher er wusste, wen er bei der Polizei anzeigen musste, antwortete er, dass er seine Peiniger schon über einen längeren Zeitraum hinweg beobachtet und diese teilweise sogar verfolgt habe. Über die Autokennzeichen wurde die Polizei somit schnell fündig. Die Antiracket-Organisation hat ihn auch beim Gang auf das Polizeipräsidium begleitet, da es häufig vorkommt, dass die Polizei selbst die Unternehmer dazu anhält, das Schutzgeld zu bezahlen, um weitere Schwierigkeiten zu vermeiden. Auf die Frage, ob sich sein Klientenstamm nach der Anzeige verändert habe, antwortet er, dass dies noch vor 15 Jahren ein großes Problem gewesen sei, da die meisten Unternehmen von der Mafia beeinflusst wurden. Heute allerdings sei das, zumindest in der Region im Catania, nicht mehr der Fall und der Effekt sei sogar gegenteilig.

Zum Schluss unseres Gespräches meldete sich schließlich noch der Anwalt der Antiracket-Organisation, Giusi Mascali, zu Wort und erläuterte kurz die Funktionen der Mafia innerhalb einer Stadt. Er berichtete, dass Catania von zehn Mafiafamilien beherrscht werde, die die Stadt in verschiedene Zonen aufgeteilt haben. Die einzelnen Familien seien pyramidenförmig aufgebaut, was wiederum zu Machtkämpfen führe, da die unteren Mitglieder der Familie einen höheren Rang erreichen wollten. Nach Gerichtsverhandlungen und Verurteilungen von Mafiamitgliedern käme es seiner Meinung nach deshalb zu keinen Racheakten an Mitglieder der Organisation, da die Nachkommen diesen Verlust als Chance betrachten. Deshalb fühle er sich in seiner Position auch einigermaßen sicher. Anfangs habe er vor Gericht mit einige Drohungen gerechnet, aber mittlerweile gehörten diese der Vergangenheit an. Das Beste an seiner Arbeit sei, dass sich die Anti-Racket-Organisation teilweise durch die Prozesse finanziere. Wenn ein Mafioso verurteilt wird, komme die Strafe der Organisation, welche als Nebenkläger auftritt, zugute. Die Entscheidung, für die Organisation tätig zu werden, sei für ihn schon immer eine Gewissensfrage gewesen. Anfangs hat er für seine Dienste nämlich noch kein Gehalt bekommen.

Die Antiracket-Organisation versucht bei ihrer Aufklärungsarbeit vor allem auch junge Menschen über die Vorgehensweise der Mafia aufzuklären. Dabei besuchen sie unter anderem Schulen und haben sogar ein Videospiel entwickelt. Das Spiel namens „Legalopoli“ hat einen landesweiten Wettbewerb gewonnen und wird seitdem auch in der Region um Catania verteilt. Zusammenfassend kann man festhalten, dass die Antiracket-Organisation in Catania im Kampf gegen die Mafia bis heute viel erreicht hat. Die Tatsache, dass allerdings erst seit dem Jahr 2006 richtige Erfolge verbucht werden können, legt den Schluss nahe, dass sie der Mafia in Zukunft ein noch stärkeres Gegengewicht sein wird.

Literatur

Grasso, Tano/Varano, Aldo (2002): ‘U Pizzu. L’Italia del racket e dell’usura. Mailand (Baldini & Castoldi)
Grasso, Tano (1997): Antriracket, le associazioni, le denunce, i processi 1990/97: In: Quaderni 3/97: 13-75
Miceli, Antonino (2007): Io, il fu Nino Miceli. Storia di una ribellione al Pizzo. Mailand (Edizioni Biografiche)

Links

http://www.comune.catania.it/portale/index.asp

http://www.italien-inseln.de/catania/ct.html

http://www.antiracket.it/home.asp

http://www.asaec.org/ricerche_studi.htm

http://www.asaec.org/legalopoli/homepage.asp.htm

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