Frauen in Sizilien – zwischen Tradition und Moderne

Ein Gespräch mit der Frauenrechtlerin Grazia Giurato von der Frauenorganisation UDI (Unione Donne in Italia)

von Maria Rottenkolber

Nach einer kurzen Mittagspause, in der wir Gelegenheit hatten, die schöne Innenstadt von Catania etwas kennen zu lernen, kehrten wir in den Palazzo Biscari zurück, in dem wir zuvor schon verschiedene Mitglieder der catanesischen Antiracket-Organisation getroffen hatten, um uns nun mit Grazia Giurato, einem Mitglied der Unione Donne in Italia (UDI) über das Thema „Frauen in Sizilien – zwischen Tradition und Moderne“ zu unterhalten. Frau Giurato hatte für unseren Besuch ein kleines Skript über die wichtigsten Aktivitäten der UDI zusammengestellt. In diesem Heft sind, neben der Geschichte der UDI, auch ein Aufsatz von Frau Giurato über „Die sizilianische Frau zwischen Tradition und Moderne“, ein bezeichnendes sizilianisches Gedicht und Fotos verschiedener Plakate der italienischen Frauenbewegung enthalten.

Die UDI wurde 1944 in Rom gegründet, und zwar auf Initiative des Partito Comunista Italiano (Pci) hin. Beteiligt waren aber auch sozialistische und katholische Gruppen. Bereits 1945 zählte UDI 400.000 eingeschriebene Mitglieder. Die UDI unterstützte in den 70-er Jahren massiv die Kampagne zur Einführung der Scheidung in Italien. Im Jahre 1982 löste sich die UDI von den Linksparteien und wurde eine unabhängige Frauenorganisation. Die Organistation verfügt in nahezu allen Städten Italiens über Büros und unterhält zahlreiche Frauenhäuser für misshandelte Frauen. Die UDI ist heute die wichtigste und rührigste Frauenorganisation in Italien.

Grazia Giurato ist eine beeindruckende Person. Heute würde man sie wohl als eine „Powerfrau“ par excellence bezeichnen. Grazia Giurato ist nicht die typische Frauenrechtlerin oder „Emanze“ wie so mancher sie sich vielleicht klischeehaft bei dem Thema Frauenbewegung vorgestellt hätte: Sie ist weder burschikos, noch schlecht angezogen, noch schwingt sie Frauenparolen. Die 72-jährige Mutter von drei Söhnen und Großmutter von drei Enkeln ist äußerst gepflegt, schick gekleidet und ihre Louis-Vuitton-Tasche (nicht gerade das klischeehafterweise bei einer Frauenrechtlerin zu erwartende Accessoire) zeigt, dass auch an ihr die Modebegeisterung nicht vorbeigeht. Der einzige Hinweis auf ihr Engagement im Namen der Frauen hängt an einer langen feingliedrigen, goldenen Kette um ihren Hals: ein ♀, das Zeichen für Weiblichkeit.

Signora Giurato, die sich selbst als „rebellisch“ bezeichnet, beginnt von sich und von ihrer Geschichte im Kampf für Gleichberechtigung und Frauenrechte zu erzählen: Als Kriegswaise war sie schon früh auf sich allein gestellt und dazu genötigt, selbst für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. 1956, als das Bankgeschäft noch eine reine Männerdomäne war, beginnt Frau Giurato als eine von insgesamt nur drei Frauen im Umkreis bei einer Bank in Catania zu arbeiten. Zu der Zeit, als Grazia Giurato ihren Weg ins Berufsleben startete, war es in keiner Weise üblich, dass Frauen der Erwerbsarbeit nachgingen. Frau Giurato erzählt uns, dass man zu dieser Zeit als Frau nicht viel galt. Man war „die Tochter von…“, „die Schwester von…“ oder „die Frau von…“. Man war so, wie die Anderen einen haben wollten und nicht so wie man wirklich sein wollte.

Die Reaktionen, mit denen die Frauenrechtlerin aufgrund ihrer Tätigkeit in der Bank umgehen musste, waren Unverständnis (Grazia Giurato umschreibt es mit „Warum strickt sie nicht wie all die anderen Frauen“) und Ablehnung. Als sie sich gar „erdreistete“, von ihrem Arbeitgeber eine Kopie ihres Arbeitsvertrags zu verlangen, war dies ein Skandal und der Arbeitgeber war schockiert von ihrer Forderung. Ein weiteres Problem war, dass es in den 50er Jahren noch kein Gesetz gab, welches den Arbeitsplatz im Falle einer Schwangerschaft gesichert hätte. Frau Giurato erklärt, dass es in ihrer Jugend üblich war, die Söhne der Familie zur Universität zu schicken, die Töchter hingegen sollten sich wünschenswerterweise mit Klavierspielen oder Sticken beschäftigen.

Auf die Frage, worin sie denn die ausschlaggebenden Punkte und Ereignisse in der Veränderung und Verbesserung der Situation der Frauen sieht, antwortete sie, dass die Neuerungen in der Schulpflicht und in der Verbreitung von Fernsehgeräten in den Privathaushalten bestanden.

Frau Giurato erklärt, dass einige der wohl wichtigsten Reformen der Frauenbewegung im Rahmen der 1968er Bewegung realisiert wurden. Man kämpfte für das Recht der Kinder, für sich selbst zu entscheiden (vorher hat der Vater über die Zukunft der Kinder entschieden) und man setzte sich für die Einführung des Rechts auf Scheidung und allgemeine Frauen- und Gleichstellungsrechte ein.

Die dreifache Großmutter informiert uns über wichtige Etappen im Kampf für die Rechte der Frauen: 1974 fand in Sizilien eine Volksabstimmung zum Thema Scheidung statt, wobei sich 69% der Inselbewohner für die Einführung der Scheidung aussprachen. Ein Jahr später, 1975, wurde dann das Recht auf Gleichberechtigung bezüglich der Kindererziehung verabschiedet. Auch das Recht auf Abtreibung wurde zu diesem Zeitpunkt eingeführt, welches von der Bevölkerung auch mehrheitlich begrüßt wurde.

Die 72-jährige beschreibt mitreißend und informativ, wie schwer es für Frauen in den 50er, 60er und 70er Jahren war, sich durchzusetzen. Männer hatten häufig nicht nur eine Familie sondern neben der „offiziellen Familie“ noch eine „zweite Familie“ und die Frauen hatten kaum Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren, da sie ökonomisch völlig von ihren Ehemännern abhängig waren. Wenn Frauen arbeiteten, dann häufig im Familienbetrieb oder in der Landwirtschaft, was allerdings nicht gut bezahlt, sondern als Selbstverständlichkeit angesehen wurde.

Die Anfänge des Weges der sizilianischen Frauen in die Erwerbstätigkeit liegen in den Orangen- und Zitronenverarbeitungfabriken der 30-er und 40-er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Die Möglichkeiten, selbst für seinen Lebensunterhalt aufkommen zu können, und die Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten für Frauen ebnen den Weg für mehr Selbstbewusstsein im Kampf für Frauenrechte. Als weiteren Meilenstein der Frauenemanzipation nennt die Vorsitzende der catanesischen UDI die „Schlacht“ gegen sexuelle Gewalt. So gab es lange Zeit ein Gesetz, welches besagte, dass eine Vergewaltigung kein Vergehen gegen die Frau, sondern nur gegenüber der allgemeinen Moral ist. Die UDI kämpfte für einen neuen Gesetzesentwurf indem sie Unterschriften sammelte. Mit überwältigendem Erfolg (statt der 50.000 benötigten Stimmen konnten 300.000 Stimmen vorlegt werden) wurde die Initiative von der Bevölkerung unterstützt, aber nach dem Vorschlag dieses und anderen Gesetzen, wie dem Mutterschutzgesetz 1980, kam es erst viel später – nämlich erst 1996 – zur Verabschiedung.

Das Bewusstsein und die Verantwortung in der Bevölkerung für die Themen Frauenrechte, Sexualität, Schwangerschaftsabbruch und Verhütung sind in den letzten 50 Jahren stark gewachsen. Der Prozentsatz der weiblichen Schulabgänger beispielsweise wird immer höher, und es sind in erster Linie Frauen, die ihr Studium in der Regelstudienzeit absolvieren. Aktuell sind beispielsweise von 20 Absolventen, die sich um eine Richterstelle bewerben vierzehn weiblich. Problematisch ist allerdings nach wie vor die Arbeitsplatzsituation der Frauen, da immer noch eine große Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen gegeben ist und sich der Mutterschutz häufig negativ auf die Karrierechancen auswirkt, da der dieser nicht auf die Rente angerechnet wird und man vielerorts vertraglich dazu verpflichtet wird, bei der Geburt eines Kindes seine Stelle aufzugeben. Frau Giurato berichtet von einem aktuellen Fall, bei dem einer Richterin geradezu ein Vorwurf daraus gemacht wurde, dass sie drei Monate in Mutterschutz ging. Man warf ihr Prozessverzögerung vor und ein Richterkollege machte die für westeuropäische Standards schockierende Aussage: “Man sollte die Frauen sterilisieren, damit so etwas nicht passieren kann”.

Die 72-jährige führt ein weiteres erschütterndes Beispiel an, das zeigt, dass manche veralteten Ehr- und Verhaltensvorstellungen noch heute in den Köpfen mancher Männer verwurzelt sind: So hat 2006 ein Mann seine Schwester brutal zusammengeschlagen, weil diese in „wilder Ehe“ lebte.

Gefragt nach der aktuellen politischen Situation der Frauen in Italien beziehungsweise in Sizilien, berichtet uns Frau Giurato, dass von den 930 Abgeordneten in der italienischen Abgeordnetenkammer und im Senat nur ungefähr ein 1/10 weiblich ist. In Sizilien gibt es unter den 90 Bürgermeistern nur drei Frauen und unter den 45 Stadträten Catanias befindet sich seit 2007 nur eine Frau. Frau Giurato erzählt in diesem Zusammenhang auch von ihrer eigenen politischen Karriere. Sie vertrat nach eigenen Worten eine „sehr machohafte und unbequeme Politik“. Als sie erfuhr, dass „Parteifreunde“ bei Stadtratstreffen nur einen Anwesenheitszettel unterschrieben und dann nach Hause gingen ohne wirklich an der Sitzung teilzunehmen, denunzierte sie dies und machte das Verhalten der Stadträte publik. Sie zeigte die Räte bei der Staatsanwaltschaft an. Die Parteifreunde leugneten, doch Grazia propagierte öffentlich, das die Politik eine noble Sache sein sollte, und es nicht nur um Geld gehen dürfe. Die Reaktion der Parteikollegen war natürlich alles andere als positiv: Sie beschimpften Frau Giurato und bewarfen sie mit Sätzen wie „Danke Gott, dass du eine Frau bist, sonst hätten wir Anderes mit dir gemacht“. Diese Episode aus ihrem Leben zeigt deutlich, wie mutig und stark sich Grazia Giurato ihr Leben lang für ihre Werte und Vorstellungen eingesetzt hat. Man kann nur den Hut vor dieser couragierten Dame ziehen, die ihrer Zeit immer mehr als nur eine Schritt voraus war.

Literatur

Cabellero, M./Thiem, H./Wessel, M. (1986): Sizilianische Frauen. In: Giordano, C./Greverus, I.-M. (Hg.), Sizilien – die Menschen, das Land und der Staat. Frankfurt/M. S. 271-322

Campbell, J. K. (1976): Honour, Family and Patronage. A Study of Instutions and Moral Values in a Greek Mountain Community. Oxford, New York

Davis, J. (1977): People of the Mediterranean. An Essay in Comparative Social Anthropology. London

Giordano, C. (1994): Der Ehrkomplex im Mittelmeerraum: sozialanthropologische Konstruktion oder Grundstruktur mediterraner Lebensformen? In: Zingerle, A./Vogt, L. (Hg.), Ehre. Archaische Momente in der Moderne. Frankfurt/M., S. 172-192

Herzfeld, M. (1980): Honour and Shame. Problems of the Comparative Analysis of Moral Systems. In: Man, New Series (15): 339-351

Peristiany, J. G. (1965): Honour and Shame. The Values of Mediterranean Society. London

Höll, R. (1979): Die Stellung der Frau im zeitgenössischen Islam. Dargestellt am Beispiel Marokkos. Frankfurt/M., Bern

Laut Bacas, Jutta (1994): Fremder Frauen Wege. Eine ethnologische Fallstudie mit griechischen Migrantinnen. Zürich

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