Kirche und Mafia – eine schwierige Beziehung

Treffen mit Padre Nino Fasullo, dem Direktor der Monatszeitschrift „Segno“

von Magdalena Krol

Padre Fasullo

Padre Fasullo

Der vierte Tag der Exkursion führte uns in das Redemptoristenkloster von Padre Nino Fasullo, welcher uns zwei Stunden seiner Zeit schenkte, um mit uns die Beziehung zwischen Kirche und Mafia zu diskutieren.

Bevor das Gespräch in einigen Punkten nachgezeichnet wird, werden zunächst einige Informationen zu dem Glaubensorden der Redemptoristen und der Zeitschrift „Segno“ dargestellt:

Redemptoristen können als Angehörige der Ordensgemeinschaft „Kongregation des Heiligsten Erlösers“ bezeichnet werden. Der Orden wurde 1732 in Italien in der Stadt Scala bei Neapel von Alfonso Maria de Liguori gegründet, der sich vorrangig um die Seelsorge in den ärmeren Volksschichten bemühte. Im Jahre 2003 zählte der Orden über 5500 Mitglieder weltweit und etwa 250 Mitglieder in Deutschland. Folgendes Zitat drückt die erklärten Hauptziele des Ordens aus: “Wir sind Seelsorger. Mit unserem Ordensgründer, dem heiligen Alfons Maria von Liguori, richtet sich unser Blick besonders auf die Menschen, welche die Sorge und Zuwendung Jesu, des “guten Hirten”, besonders brauchen” (http://www.redemptoristen.de/muenchen/ Stand: 27.02.08).

Die Zeitschrift „Segno“ wurde im November 1975 von Padre Nino Fasullo gegründet als eine Zeitschrift, die sich mit den Neuerungen in der kirchlichen Politik befasst, die sich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in der katholischen Kirche ergeben haben. Das Zweite Vatikanische Konzil fand in den Jahren 1962 bis 1965 in Rom statt und wurde von Papst Johannes XXIII einberufen, allerdings erst von seinem Nachfolger, Papst Paul VI, beendet, da sein Vorgänger kurz nach der Eröffnung des Konzils verstarb. Das Konzil fand in vier Sitzungsperioden statt, aus welchen viele neue kirchliche Sachverhalte resultieren, unter anderem die Öffnung zur Welt und ein verstärkter Dialog mit Nichtchristen, wobei ethische und religiöse Werte auch außerhalb der Kirche Anerkennung finden sollten.

Zur Person Nino Fasullo ist zu sagen, dass er in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils seine Priesterweihe erhielt und das letzte Jahr seiner Priesterausbildung in Rom – während der entscheidenden Phase des Konzils – verbrachte. Auf Grund dieser Erfahrung wurde er, seinen eigenen Worten zufolge, politisch sozialisiert und steht seit dieser Zeit der Kirche und ihrem Handeln kritisch gegenüber. Dies kann unter anderem als Ursache für die Gründung der Zeitschrift „Segno“ gesehen werden. Auch die Tatsache, dass sich die Linken innerhalb der politischen Landschaft Siziliens gegen die Mafia engagierten, war für Nino Fasullo ein Anstoß, nun selbst zu handeln. Damit haben auch sie, gewissermaßen indirekt, einen Beitrag zur Gründung dieser Zeitung geliefert.

Während unseres Gesprächs sind wir auf viele verschiedene Themen eingegangen, wobei die Zielsetzung dieses Berichtes nicht die völlige Darstellung des Treffens ist, vielmehr soll eine Auswahl der Themenschwerpunkte getroffen und dargestellt werden.

Das Hauptinteresse unserer Exkursionsgruppe galt der Beziehung zwischen Kirche und Mafia und auch, wie Padre Nino Fasullo die Kriminellenorganisation aktuell einschätzt. Fasullo bezeichnete die Beziehung zwischen Kirche und Mafia als ambivalent und machte darauf aufmerksam, dass nur ein kleiner Teil der Kirche sich gegen die Mafia engagiere. Diese Entwicklung hin zu einem Engagement gegen die Mafia bezeichnete Padre Fasullo als eine Entwicklung „von unten“, da sie hauptsächlich von der Basis der katholischen Gemeinde ausgehe und nicht „von oben“ geprägt sei. Ganz im Gegenteil, die Kirchenspitze würde dieses Engagement eher ignorieren.

Vor der Zeit der Attentate auf mehrere Personen des öffentlichen Lebens – so vor allem Anfang der 80-er Jahre auf den Kommunistenführer Pio La Torre und den Carabiniere-General Alberto Dalla Chiesa – habe sich die Kirche überhaupt nicht mit dem Thema „Mafia“ beschäftigt. Die Mitgliedschaft in der Mafia sei damals nicht einmal als Straftatbestand im Strafgesetz verankert gewesen.

Ein „Antimafiagesetz“, das sog. Rognoni-La Torre-Gesetz, wurde erst nach der Ermordung von Pio La Torre verabschiedet. Zum anderen werden Priester laut Padre Fasullo in ihrer Ausbildung nicht auf die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Mafia vorbereitet. Die Kirche war lange Zeit der Auffassung – zumindest gilt dies für ihre Führungsspitze – sie müsse sich nicht mit dieser Thematik beschäftigen, welche schließlich kein Problem der Kirche sei. Sie verzichtete auch auf eine ethische Bewertung der Mafia. Für die Kirche gab es schlicht und einfach kein Problem, da sie seitens der Mafia bis dato schließlich nicht direkt angegriffen wurde.

Padre Nino Fasullo ging in seiner Argumentation immer wieder auf den Aspekt der Vorbereitung auf die Priesterschaft ein. Er betonte, dass sich Priester in ihrer Ausbildung bisher zu wenig mit dem Phänomen Mafia beschäftigen wurden, beziehungsweise dass diese Thematik kein Schwerpunkt ihrer Ausbildung sei. Aus diesem Grund sei es für Priester höchst schwierig, der Mafia und den mit ihr verbundenen Problemen in adäquater Art und Weise zu begegnen. Dies nicht zuletzt deshalb, weil sie kaum ein angemessenes Verständnis für dieses Problem entwickeln würden.

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und im besonderen nach den Attentaten auf La Torre und Dalla Chiesa erfolgte allgemein ein Umdenken im Hinblick auf die Mafia – nicht nur in der Öffentlichkeit, durch die ein richtiggehender Aufschrei ging, sondern auch seitens der Gesetzgeber und der Kirche. In den Jahren 1987 bis 1992 erstarkte die Anfang der 80-er Jahre entstandene Anti-Mafia-Bewegung, angetrieben vom damaligen palermitanischen Bürgermeister Leoluca Orlando. Dieser Aufschwung, der auch unter dem Namen „Frühling von Palermo“ an Bekanntheit gewann, wurde jäh beendet durch die Ermordung der beiden „Hoffnungsträger“ Palermos und der Anti-Mafia-Bewegung, der Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Viele Menschen waren schockiert über so viel Gewalt und Blutvergießen im Auftrag der Mafia.

In unserem Gespräch kam ebenfalls die Frage auf, warum manche Priester ihnen persönlich bekannten Mafiosi die Sakramente nicht nur nicht verweigerten, sondern im Gegenteil diese Personen auch noch mit Gebeten und anderen Taten unterstützten. Padre Fasullo fasste die Antwort kurz mit Hilfe von drei Schlagworten zusammen, bevor er diese näher erläuterte: „Ignoranz, familiale Beziehungen und Misstrauen dem Staat gegenüber“.

Die Kirche hat bisher, wie bereits oben erwähnt, noch nicht genug über die Mafia in Erfahrung gebracht und ist somit in ihrem Handeln rückständig. Dies wird anhand der – in Fasullos Augen – innerhalb der Priesterschaft vorherrschenden Ignoranz deutlich.

Des Weiteren erklärte der Padre, dass einige Priester, und zwar solche, in deren eigenen Familien selbst Anhänger oder gar Mitglieder der Mafia zu finden seien, nicht wirklich frei seien und dementsprechend auch nicht frei handeln könnten. Im Gegenteil, sie würden die Mafia ihrer Familie zuliebe sogar unterstützen. Die Familie ist in der Struktur der Mafia eines der wichtigsten Elemente und wird von klein auf den Kindern eingetrichtert. (Hier möchte ich auf das Gespräch mit dem Psychologieprofessor Lo Verso verweisen, der während unserer Diskussion auf die intensive und sehr frühe Sozialisation der Familienmitglieder der Mafia und deren Auswirkungen näher eingeging) Padre Fasullo räumte ebenfalls ein, dass er sich nicht gegen die Mafia gestellt hätte, wenn sein eigener Bruder oder Vater in die Mafia involviert gewesen wären. Dies unterstreicht die Wichtigkeit der Familie nicht nur in der Mafia, sondern offensichtlich auch im Denken der Sizilianer selbst.

Den letzten Punkt seiner Argumentation beschreibt Padre Fasullo mit dem Beispiel eines Priesterkollegen: Dieser Priester habe kein Vertrauen in den Staat und predige in seiner Gemeinde, dass der Staat keine Macht besitze beziehungsweise, dass die Mafia ebenfalls in die Politik involviert sei und umgekehrt. Diese Meinung trage er in die Gemeinde, deren Mitglieder ohnehin schon negativ gegenüber dem Staat eingestellt seien. Durch das Verhalten des Priesters würde diese Negativhaltung weiter verstärkt werden. Nun machte uns Padre Fasullo noch darauf aufmerksam, dass dies nur ein Fall von vielen sei. Das Misstrauen unter Priestern gegenüber dem Staat sei weit verbreitet ist und erreiche somit auch viele Menschen.

Abschließend wurde Padre Fasullo noch mit einer Frage konfrontiert, die wir jedem unserer Interviewpartner im Laufe unserer Exkursion stellten: Wir wollten seine persönliche Meinung dazu in Erfahrung bringen, wie er die Situation der Mafia derzeit einschätzt. Wie auch andere Personen, die wir während der Woche trafen, fragte er uns nach unserer Definition der Mafia. Meinten wir die „gewalttätige Mafia“ oder diejenige mit den „weißen Kragen“, also die mächtigen mafiosen Hintermänner der sog. „besseren Gesellschaft“?

Viele – auch hochrangige – Mitglieder der eigentlichen Mafia, also der gewalttätigen, seien in letzter Zeit verhaftet worden. Damit habe die Mafia starke Schläge hinnehmen müssen, aber – wie Padre Fasullo betonte – man könne nicht sagen, dass die Mafia tot sei. Er benutzte das Sprichwort „Unkraut vergeht nicht“ im Zusammenhang mit der Überlebensfähigkeit der Mafia. Sie habe zwar jetzt größere Probleme im Vergleich zum letzten Jahrhundert, als sie ebenfalls kurz vor dem Untergang stand, aber wie damals, schätzt er, dass sich die Mafia davon wieder erholen wird. Mit den Problemen sind die härteren Gesetze gemeint, die vor 1983 noch nicht verabschiedet waren beziehungsweise als das Phänomen der Mafia nicht einmal per Gesetz definiert war. Seiner Meinung nach müssen sich viele verschiedene Kräfte, so die Kirche, die Politik und die Bürger zusammenschließen und langfristig gegen die Mafia kämpfen, nur dann könne etwas in Richtung der Zerschlagung der Organisation geschehen.

Das Gespräch mit Padre Nino Fasullo fand in einer sehr sachlichen und informativen Art und Weise statt, welches mich überraschte, da ich nicht damit gerechnet hatte, dass ein Priester derart offen über Kritikpunkte in seiner Kirche sprechen würde. Aber Fasullo ist schließlich auch kein „normaler“ Priester, sondern ein kritischer Intellektueller. Insgesamt war das Gespräch sehr informativ und gewährte uns Einblicke in die Gedankenwelt eines Priester, in die Belange der Mafia sowie die Rolle der katholischen Kirche in Sizilien.

Literatur

Anfossi, Francesco (1994): Puglisi. Un piccolo prete fra i grandi boss. Milano (Edizioni paoline)
Cavadi, Augusto (1993): Il Vangelo e la lupara. Materiali su Chiese e mafia. Vol. I. Storia, Teologia, Pastorale. Bologna (Edizione dehoniane)
Cavadi, Augusto (1993): Il Vangelo e la lupara. Materiali su Chiese e mafia. Vol. II. Testimonianze, Tracce di preghiera. Bologna (Edizione dehoniane)
Ceruso, Vincenzo (2007): Le sagrestie di cosa nostra. Inchiesta su preti e mafiosi. Rom (Newton Compton editori)
Dickie, John (2006). Cosa Nostra. Die Geschichte der Mafia. Frankfurt/Main: Fischer Verlag

Links

www.sicilianrenaissance.info/en/pubblicazioni/020800.pdf

http://www.redemptoristen.de/muenchen/

http://www.autoren-reporter.de/index.php?option=com_content&task=view&id=140&Itemid=161

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